Das Wort «unethisch» fällt bei der Kryonik schnell, oft noch bevor jemand sagt, welches ethische Prinzip damit genau verletzt sein soll. Es lohnt sich, die Einwände genauer zu prüfen: Die meisten richten sich entweder gegen Vorgehensweisen, die in der Medizin längst akzeptiert sind, oder beruhen auf einem Unbehagen gegenüber dem Ungewohnten, das moralisch begründet wird. Prüfen wir die Argumente dafür und dagegen und unterscheiden wir begründete Bedenken von spontaner Ablehnung.

Das Argument dafür ist recht einfach
Das ethische Kernargument für die Kryonik lautet: Wenn die Identität eines Menschen in seiner Gehirnstruktur gespeichert ist und diese erhalten werden kann, nachdem die heutige Medizin ihm nicht mehr helfen kann, könnte damit die Möglichkeit einer späteren Wiederbelebung bestehen bleiben. Demnach wäre der Tod möglicherweise noch nicht endgültig. Entscheidend wäre demnach nicht der klinische Tod, sondern der informationstheoretische Tod: der Zeitpunkt, an dem die für Erinnerungen und Persönlichkeit massgeblichen Gehirnstrukturen so stark zerstört sind, dass die darin gespeicherten Informationen unwiederbringlich verloren sind. Nach diesem Argument schadet es niemandem, sich für die eigene Kryokonservierung zu entscheiden, und könnte etwas Unersetzliches bewahren. Eine Handlung, die ein Leben schützt und niemandem schadet, gilt in der Regel als ethisch vertretbar. Wer Kryonik für unethisch hält, müsste dieses Urteil demnach begründen. Im Folgenden betrachten wir die drei stärksten Einwände.
Einwand 1: Sie störe die natürliche Ordnung von Leben und Tod
Dahinter steht die Vorstellung, der Tod sei natürlich und gebe dem Leben vielleicht sogar erst seinen Sinn. Ihn hinauszuzögern, verstosse deshalb gegen die natürliche Ordnung. Mit diesem Argument liessen sich allerdings auch viele etablierte medizinische Behandlungen ablehnen. Impfstoffe, Antibiotika, Organtransplantationen und Defibrillatoren greifen ebenso in natürliche Abläufe ein: Sie können verhindern, dass Menschen an Krankheiten oder deren Folgen sterben. Eine Herztransplantation gilt nicht deshalb als unethisch, weil sie in natürliche Abläufe eingreift. Auch Kryonik soll das Leben verlängern, setzt dabei aber auf medizinische Möglichkeiten der Zukunft. Ohnehin ist nicht alles gut, was natürlich ist: Natürliche Vorgänge können grosses Leid verursachen, medizinische Eingriffe können es lindern. Wenn es ethisch vertretbar ist, das Leben medizinisch um fünf Jahre zu verlängern, muss begründet werden, weshalb eine Verlängerung um fünfhundert Jahre unethisch wäre. Ein blosses Gefühl genügt dafür nicht.
Einwand 2: Sie verschwende Ressourcen, die anderswo besser eingesetzt wären
Dieser Einwand ist ernst zu nehmen und verdient eine fundierte Antwort. Dabei sind zwei Punkte wichtig. Erstens: Die Mittel stammen weitgehend aus privater Hand. Wer die eigene Kryokonservierung finanziert, meist über eine Versicherung, verwendet dafür private Mittel, wie bei anderen persönlichen Ausgaben auch. Zweitens kann die Forschung auch dann nützlich sein, wenn eine Wiederbelebung nie gelingt. Forschungsergebnisse zum Schutz von Zellen und Geweben vor Kälteschäden, zur Kryoprotektion, Organkonservierung und zum medizinischen Einsatz von Kälte finden auch in der Transplantationsmedizin und der Notfallversorgung Anwendung. Heute muss ein entnommenes Spenderherz innerhalb von etwa vier bis sechs Stunden transplantiert werden. In der Transplantationsmedizin wird daran geforscht, ganze Organe durch Vitrifikation zu konservieren und anschliessend wieder zu erwärmen. Damit könnten Organe wesentlich länger als bisher gelagert werden. Es ist nicht ohne Weiteres ersichtlich, weshalb solche Ausgaben weniger gerechtfertigt sein sollten als andere private Ausgaben. Zudem könnte die Forschung auch ausserhalb der Kryonik von Nutzen sein.
Einwand 3: Sie sei egoistisch
Der Vorwurf lautet: Wer bereit sei, für ein längeres Leben Geld auszugeben, handle egoistisch. Bei anderen Massnahmen zur Lebensverlängerung wird dieser Vorwurf jedoch kaum erhoben. Es gilt nicht als egoistisch, sich wegen Krebs behandeln zu lassen, sich anzuschnallen oder die eigenen Enkelkinder aufwachsen sehen zu wollen. Der Wunsch, länger zu leben, ist zutiefst menschlich. Dafür medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, gilt normalerweise als vernünftig, nicht als egoistisch. Eine ausführlichere Diskussion bietet der Artikel «Ist Kryonik egoistisch?». Das Argument lautet: Wer eine selbst finanzierte Behandlung als egoistisch verurteilt, obwohl sie niemand anderem schadet, müsste denselben Vorwurf auch gegen viele andere medizinische Behandlungen erheben.
Welche ethischen Fragen zu klären sind
Damit sind jedoch nicht alle ethischen Bedenken gegen die Kryonik ausgeräumt. Konkret ist zu fragen, ob Interessierte trotz der grossen Ungewissheit ausreichend informiert einwilligen können, ob Anbieter die Erfolgsaussichten ehrlich darstellen und ob Kryonik einem breiteren Kreis zugänglich gemacht werden kann. Mit diesen Fragen sollte sich die ethische Diskussion eingehend befassen. Über diese Fragen lässt sich anhand nachvollziehbarer Gründe diskutieren. Ein blosses Unbehagen bietet dafür wenig Grundlage.
Kurz gesagt: Kryonik kann ethisch vertretbar sein, wenn Anbieter ehrlich darüber informieren, die Finanzierung privat erfolgt und die Betroffenen nach ausreichender Aufklärung einwilligen. Offen bleiben ethische Fragen zum Zugang, zur Verantwortung der beteiligten Institutionen und zum Umgang mit irreführenden Behauptungen.
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